Atemtechniken und ihre Risiken
Nicht jede populäre Atemübung ist harmlos. Warum Techniken mit Hyperventilation gefährlich werden können, was am Wasser lebensgefährlich ist und welche Regeln ohne Ausnahme gelten.
Atemübungen haben einen harmlosen Ruf – schließlich atmet man ohnehin die ganze Zeit. Für langsame, beruhigende Techniken trifft das auch zu. Aber unter dem Sammelbegriff „Atemarbeit“ laufen inzwischen auch Methoden, die genau das Gegenteil tun: schnelles, kräftiges Atmen, gefolgt von langem Luftanhalten. Diese Techniken sind nicht harmlos. In Verbindung mit Wasser haben sie nachweislich Menschen das Leben gekostet – und der Mechanismus dahinter ist so unauffällig, dass fast niemand ihn kommen sieht.
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Zwei Familien von Atemtechniken
Es lohnt sich, sauber zu trennen, denn beide werden oft im selben Atemzug empfohlen.
Die eine Familie ist beruhigend: langsames Atmen, verlängertes Ausatmen, etwa sechs Atemzüge pro Minute. Sie senkt die Erregung, ist gut untersucht und für gesunde Menschen unbedenklich – das ist die Technik aus unserem Artikel „Langsam atmen“.
Die andere Familie ist aktivierend: schnelles, tiefes Dauer-Atmen über Minuten, oft gefolgt von möglichst langem Luftanhalten. Bekannt geworden ist sie vor allem durch die Wim-Hof-Methode, die oft zusammen mit Kälteexposition praktiziert wird (dazu mehr in „Eisbaden im Realitätscheck“). Sie fühlt sich intensiv an, erzeugt Kribbeln und manchmal Euphorie – und sie ist der Teil, um den es hier geht.
Was Hyperventilation wirklich macht
Die verbreitete Erklärung lautet, schnelles Atmen „lädt den Körper mit Sauerstoff auf“. Das ist physiologisch falsch – und die Umkehrung dieses Irrtums ist der Kern des Risikos.
Dein Blut ist im Ruhezustand bereits nahezu vollständig mit Sauerstoff gesättigt. Schneller zu atmen kann daran fast nichts verbessern. Was schnelles Atmen dagegen sehr wohl tut: Es senkt den Kohlendioxid-Gehalt im Blut drastisch. Und genau das ist entscheidend, denn nicht der Sauerstoffmangel löst dein Atembedürfnis aus, sondern der ansteigende Kohlendioxid-Wert. CO₂ ist die Alarmanlage.
Wer hyperventiliert, schaltet also die Alarmanlage ab, ohne den Tank zu füllen. Das anschließend beeindruckend lange Luftanhalten ist keine gewachsene Kapazität – es ist ein abgeschalteter Alarm. Der Sauerstoff kann dabei bis unter die Bewusstseinsschwelle fallen, bevor überhaupt ein Atemreiz einsetzt.
Die eine Regel, die keine Ausnahme kennt
Niemals Hyperventilations-Techniken im, am oder vor dem Wasser. Nicht im Schwimmbad, nicht im See, nicht in der Badewanne. Auch nicht „nur kurz“ und auch nicht in flachem Wasser – der Name „Shallow Water Blackout“ kommt genau daher, dass es im flachen Wasser passiert.
Das ist keine theoretische Vorsichtsmaßnahme. Es gibt dokumentierte Todesfälle von Menschen, die nach solchen Atemübungen im Wasser das Bewusstsein verloren und ertranken, darunter Fälle mit rechtlichem Nachspiel. Die Tücke: Von außen sieht es aus, als würde jemand ruhig im Wasser treiben. Und die betroffene Person selbst spürt keinerlei Vorwarnung – kein Ringen nach Luft, keine Panik. Das Bewusstsein geht einfach aus.
Aus demselben Grund ist auch die Wim-Hof-Organisation selbst in diesem Punkt eindeutig und führt „niemals im oder am Wasser“ als erste Sicherheitsregel.
Die weiteren Risiken
Auch außerhalb des Wassers ist Vorsicht angebracht.
Ohnmacht ist keine Ausnahme, sondern eingeplant. Bei intensiven Atemtechniken kommt es so häufig zu Benommenheit und Ohnmacht, dass die offizielle Empfehlung lautet, ausschließlich im Sitzen oder Liegen zu üben. Niemals im Stehen, niemals beim Autofahren, niemals auf Höhe oder in der Nähe harter Kanten.
Kribbeln und Muskelkrämpfe in Händen, Füßen und Gesicht sind eine direkte Folge des veränderten Säure-Basen-Haushalts. Meist harmlos und vorübergehend – aber ein Zeichen, dass man den Körper deutlich aus dem Gleichgewicht gebracht hat.
Krampfanfälle. Hyperventilation wird in der Neurologie gezielt eingesetzt, um bei EEG-Untersuchungen Anfallsaktivität sichtbar zu machen. Wer eine Anfallserkrankung hat, sollte genau dieses Provokationsmanöver nicht freiwillig zu Hause durchführen.
Wer diese Techniken meiden sollte
Ohne ärztliche Rücksprache nicht geeignet sind solche Methoden bei: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, unbehandeltem Bluthochdruck, Epilepsie oder anderen Anfallsleiden, in der Schwangerschaft sowie bei Panikstörung – bei Letzterer kann die künstlich ausgelöste Hyperventilation dieselben Körperempfindungen erzeugen wie eine Panikattacke und diese auslösen.
Wenn du es trotzdem ausprobieren willst
Diese Techniken sind nicht verboten und für viele gesunde Menschen ohne Zwischenfall. Wenn du sie ausprobieren möchtest, gelten drei Regeln ohne Kompromiss: nur im Sitzen oder Liegen, niemals in der Nähe von Wasser, und beim ersten Mal nicht allein. Brich sofort ab, wenn Schwindel, Sehstörungen oder starkes Unwohlsein auftreten.
Und die ehrliche Einordnung dazu: Für die belegten Stress- und Stimmungseffekte brauchst du diese Techniken nicht. Das langsame Atmen aus „Langsam atmen“ hat die bessere Studienlage – und kein vergleichbares Risiko. Den Überblick über die ganze Säule gibt der Leitfaden „Stress & Atmung“.
Quellen
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